Sprungziele
Inhalt
Datum: 01.12.2022

Zwangsarbeit in Steinheim während der Zeit des Naziregimes

Im Deutschen Reich mußten zwischen 1939 und 1945 schätzungsweise über 12 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten: in Arbeitslagern, in Fabriken, in der Landwirtschaft oder in Privathaushalten. Neben KZ-Häftlingen waren es Kriegsgefangene oder sogenannte Zivilarbeiter, die zumeist aus ihrer besetzten Heimat zwangsweise verschleppt wurden. In ihren hiesigen Lebens- und Arbeitsverhältnissen gab es allerdings gewaltige Unterschiede, die sich vorwiegend an der nationalen Herkunft der Arbeiter sowie an deren jeweiligen Einsatzorten festmachten.

Das Stadtarchiv Steinheim hütet aus dieser Zeit einen historisch besonderen Schatz: Die Karteikarten der während des Naziregimes in Steinheim eingesetzten Zwangsarbeiter. Die meisten von ihnen kamen aus Polen, Weißrußland, Rußland und der Ukraine: Dieses war die Gruppe der sogenannten Ostarbeiter. Aber auch Arbeiter anderer Nationalitäten – etwa Niederlande, Belgien oder Frankreich – waren in Steinheim im Einsatz. Dabei wurden sowohl Männer, wie auch Frauen für die Zwangsarbeit eingesetzt. Die Kennkarten enthielten neben einem Photo und Fingerabdrücken personenbezogene Daten wie Geburtsdatum und –ort, den ehemaligen Beruf, Aufenthaltsdauer sowie Namen und Adresse der Steinheimer Arbeitsstelle.

Der Krieg hatte es mit sich gebracht, daß es überall in Steinheim an Arbeitskräften fehlte, besonders aber in der Landwirtschaft, zur Einbringung der Ernten sowie in der für Steinheim so wichtigen Möbelindustrie. Diese hatte für die Wehrmacht viele Rüstungsaufträge zu erfüllen wie etwa die Anfertigung von Munitionskisten oder Mannschaftsschränken. So wundert es nicht, daß gerade hier viele Arbeiter eingesetzt wurden (in Klammern die Anzahl der zugewiesenen Arbeiter): Steinheimer Möbelfabrik (43), Pollmann (15), Hausmann (6), Günther (10), Schwertfeger (10), Finkeldei (10), Schönlau (10) und Frechen (6). Mit wenigen Ausnahmen waren die hier Tätigen berufsfremd. Ihre ursprünglichen Berufe waren vor allem Landarbeiter, sodann Bäcker, Metzger, Frisöre, Fischer, Kraftfahrer, Textilarbeiter und Maurer.

Für die Unterbringung der ihnen zugewiesenen Arbeiter hatten sich die Steinheimer Möbelfabrikanten zusammengeschlossen und betrieben gemeinsam eine Gemeinschaftsunterkunft, das Gefangenenlager Nr. 171. Eine umfangreiche Akte im Stadtarchiv enthält dazu zahlreiche Unterlagen. Diese dokumentieren die Art der Unterbringung und Verpflegung, die ärztliche Versorgung sowie die Beschaffung von diversen Einrichtungsgegenständen. So forderte etwa der Kommandoführer des Lagers Herzog in einem Brief vom 28.2.1941 an den Lagerleiter: „...benötige sofort 8 Handfeger. Mit 3 Handfegern werde ich mit reinigen nicht fertig, besonders unter den Betten. Da ich das Lager unbedingt sauber halten will, bitte ich um sofortige Lieferung“. Die Unterkunft war auf Anordnung vergittert worden, und die Arbeiter schliefen auf Strohsäcken, wie eine Rechnung vom 5.9.1940 zeigt. Auf Sauberkeit und gute hygienische Verhältnisse wurde allergrößten Wert gelegt, da man sich vor Seuchenausbrüchen fürchtete. Für die Verpflegung im Lager wurde der übergeordneten Stelle „Stalag VI/A Hemen“ 1,10 Reichsmark pro Kopf und Tag in Rechnung gestellt. Über diese Pauschale kam es zum Streit zwischen dem Lagerkommandeur und dem hiesigen Ortsbauernführer, der für die zeitweilige Unterbringung und Verpflegung der in der Landwirtschaft tätigen Arbeiter nur 0,10 Reichsmark pro Kopf/Tag zahlen wollte. Die Ausgabelisten bestätigen auch, daß die Arbeiter entsprechend ihrer Tätigkeit entlohnt wurden.

Den Steinheimern Zwangsarbeiter schien es vergleichsweise gut ergangen zu sein, wie wir einem Brief der Steinheimer Möbelfabrik vom 25.1.1941 entnehmen können: „... denn wir können wohl sagen, dass die Kriegsgefangenen im hiesigen Kriegsgefangenenlager sehr gut untergebracht sind und auch gut verpflegt werden. Abgesehen davon sind sie aber auch mit den ihn übertragenen Arbeiten inzwischen vertraut geworden und zufrieden, zumal dieselben in guten, trockenen und wohltemperierten Räumen ausgeführt werden“. Briefe aus der Nachkriegszeit von ehemaligen Zwangsarbeitern aus Polen und Rußland dokumentieren, daß diese Beschreibung nicht geschönt war. In ihnen wird immer wieder dankbar die oft geradezu familiäre und fürsorgliche Behandlung durch die Steinheimer Arbeitgeber-Familien betont. So wurde der Möbelfabrikant Josef Günther nach Kriegsende sogar zur Hochzeit von drei polnischen Ehepaaren als Trauzeuge nach Polen eingeladen, die einst als Zwangsarbeiter in seiner Fabrik gearbeitet hatten.

Ein besonders anrührendes Einzelschicksal ist das von Sergei Gnewuschew aus Rußland (geb. 2.4.1924 in Zlynka). Nach dreimonatiger Haft wurde er in verschlossenen Waggons aus seiner Heimat deportiert und vom Arbeitsamt Paderborn der Firma Franz Finkeldei & Söhne zugewiesen. Während seiner Zeit in Steinheimer von Februar 1943 bis Septemer 1944 verlobte sich Sergei mit der ukrainischen Studentin Ljuba Widanowa (geb. 10.8.1923 in Donezk), die in der Möbelfabrik Franz Pollmann beschäftigt war. Am 27.2.1945 wurde die gemeinsame Tochter Antonia im Sankt-Rochus-Hospital in Steinheim geboren. Dieses Ereignis ist auch auf ihrer Karteikarte mit Bleistift vermerkt worden. Sergei sollte im September 1944 an die Westgrenze verlegt werden, aufgrund einer Verletzung kam er jedoch nur bis Coesfeld, wo ihn die alliierten Truppen letztendlich befreiten. Seine Verlobte sollte er jedoch nie wiedersehen, da diese kurz nach der Rückkehr in ihre Heimat bei einem Zugunfall verstarb. Seine Tochter aber holte er zu sich. Sergei wurde Deutschlehrer und seine im Stadtarchiv Steinheim verwahrten Briefe sind dementsprechend auf deutsch geschrieben. Nach 50 Jahren kehrte er auf eine private Einladung zu Besuch nach Steinheim zurück (Neue Westfälische vom 15.8.1994), eine Stadt, die er – trotz der widrigen Umstände – stets mit guten Erinnerungen verbunden hatte.