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Dr. Tanja Busse - Verleihung Reineccius Medaille

Laudatio auf Dr. Tanja Busse anlässlich der Verleihung der Reiner-Reineccius-Medaille der Stadt Steinheim am 07. November 2009 durch Hubertus Backhaus, Landrat a.D. des Kreises Höxter

 

Sehr verehrte liebe Frau Dr. Busse,

liebe Mitglieder der Familie Busse,

sehr geehrter Herr Bürgermeister Joachim Franzke,

sehr verehrte liebe Festgäste,

meine sehr geehrten Damen / meine Herren,

Sie, Frau Dr. Busse, heute hier bei uns zu haben und auszeichnen zu dürfen, ist für

alle hier Anwesenden, alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Steinheim, für den gesamten

Kreis Höxter, aber auch für mich persönlich eine ganz besondere Freude.

Die Verleihung der Reineccius-Medaille an Sie, verehrte Frau Dr. Busse, steht heute

Abend im Vordergrund dieser kleinen Feierstunde im Rahmen des Reineccius-

Marktes mitten im Herzen der Stadt Steinheim.

Liest man Interviews, Artikel oder Bücher von Ihnen, stellt man sehr schnell fest,

dass Ihnen als engagierte Journalistin, Autorin und Moderatorin seit Jahren die Verbesserung

der Lebens-, Umwelt-, Produktions- und Arbeitsbedingungen in unserer

globalisierten Welt ein Herzensanliegen ist.

Sie sind eine starke Persönlichkeit und in Journalistenkreisen als äußerst engagierte,

glaubwürdige, zielstrebige und immer faire Kollegin anerkannt.

Sie gelten als unbequeme und hartnäckige Nachfragerin bei ihren akribischen Recherchen,

decken Skandale auf, prangern in Ihren journalistischen Beiträgen Missstände

zu dem Themenkomplex „Umweltzerstörung durch Konsumverhalten" an.

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Sie greifen unbequeme gesellschaftspolitische Themen auf, an deren Beispielen Sie

die Zusammenhänge unserer Wohlstandsgesellschaft und der Ausbeutung anderer

Individuen und Regionen eindrucksvoll erläutern.

Ihr Ziel ist es, durch Aufklärung das Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Sie appellieren

und ermutigen die Verbraucher zum Hinschauen, kritischem Nachfragen

und Nachdenken, um letztendlich durch die Macht der Konsumenten - also die Macht

von uns allen - die Produzenten und den Handel zu zwingen, ihrer Verantwortung für

unseren Globus und die Menschen, die auf ihm wohnen, gerecht zu werden.

Ich gebe zu, dass ich in den letzten Tagen wenig Zeit hatte, mich in Ihre Artikel und

in Ihre Bücher zu vertiefen. Jedoch was ich gelesen habe, hat mich tief beeindruckt

und begeistert. Sie handeln nach dem uns allen bekannten Motto: „Was du nicht

willst, das man dir tut, das füg' auch keinem andern zu".

Und Sie haben aus meiner Sicht verinnerlicht, dass uns die Erde zwar von unseren

Eltern übergeben, aber uns letztendlich nur von unseren Kindern treuhänderisch

überlassen worden ist, um sie möglichst etwas besser, als wir sie übernommen haben,

wieder zurückzugeben.

Liebe Frau Dr. Busse,

bevor ich auf Ihre Denkanstöße nochmals eingehe, möchte ich einen kurzen Blick auf

Ihre Vita werfen:

Sie, verehrte Frau Dr. Busse, wurden am 14. September 1970 in Bad Driburg im

schönen Kreis Höxter geboren und wuchsen auf dem elterlichen Bauernhof in Eversen

auf.

Sie haben schon sehr früh Tom Sawyer gelesen und an der Emmer Mississippi gespielt.

Ihnen wird attestiert, dass Sie schon als kleines Kind über eine starke Persönlichkeit

verfügten und Ihre Ziele hartnäckig verfolgt und letztendlich auch durchgesetzt

haben.

Sie waren ehrgeizig und strebsam.

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Sie haben aber immer überlegt gehandelt.

Ihr starkes soziales Gewissen ist gepaart mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein,

das Sie bei der Betreuung der jüngeren Schwester oder der Mithilfe im Bullenstall

des Vaters auch schon als junges Mädchen gelebt haben.

Ich kann weiter berichten, dass Angst für Sie schon als Kind ein Fremdwort war. Sie

fürchteten nichts und niemanden, was dadurch belegt werden kann, dass Sie als 12-

jährige mit Ihrer Freundin Susanne mitten in der Nacht ausbüchsten, um - wie Sie

sagten - endlich einmal die Geisterstunde auf dem Friedhof zu erleben.

Ihre Zielstrebigkeit und Ihr starker Wille, die für Ihre Familie sicherlich nicht nur die

reinste Freude bedeutet haben, haben Ihnen dafür in der Schule und im Sport tolle

Erfolge gebracht.

So hat bei Ihrer Abiturfeier am Steinheimer Gymnasium im Jahre 1990 die Schulleitung

Ihnen bescheinigt, das beste Abiturzeugnis seit Bestehen der Schule erhalten

zu haben.

Der Sport hat Sie bis heute ebenfalls immer begeistert. Als Mittelstreckenläuferin der

Leichtathletikfreunde Lüchtringen haben Sie 1989 in Hamburg mit der 3 x 800 m-

Staffel die „Deutsche Vizemeisterschaft" errungen. Im gleichen Jahr wurden Sie mit

der Staffelmannschaft ebenfalls „Deutsche Vizemeisterin" bei den „Deutschen

Crossmeisterschaften", die in Vinsebeck ausgetragen wurden.

Ihre besondere Tierliebe kam Ihnen als Galoppreiterin entgegen. Sie haben während

Ihres Studiums „die Amateur-Rennreiter-Lizenz" in Köln-Weidenpesch erhalten und

Rennen u.a. in Bad Doberan 1994 geritten.

Besonders bemerkenswert ist Ihr Engagement als Kickboxerin, ein Sport, mit dem

Sie in Ihrer Studienzeit in den Katakomben des BVB-Stadions begonnen haben und

diese Sportart bis heute in Hamburg immer noch trainieren.

Nach dem Journalistikstudium in Dortmund und dem Philosophie-Studium in Bochum

und Pisa promovierten Sie im Jahr 1999 zum Dr. phil. mit der Arbeit „Weltuntergang

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als Erlebnis. Apokalyptische Erzählungen in den Massenmedien vor der Jahrtausendwende".

In dieser Zeit haben Sie Prof. Dr. Eurich kennen und schätzen gelernt;

einen Menschen, der Sie besonders motiviert hat.

Gerade die Studienzeit in Italien und Ihre Aufenthalte in Tansania und Äthiopien, eine

der ärmsten Region der Welt, mit einem italienischen Fotografen haben Sie, Berichten

zufolgen, besonders beeindruckt bzw. geprägt. Diese Prägung - so vermute ich -

hat Sie besonders angetrieben, sich für die Umwelt, die Demokratie und vor allem die

Menschen einzusetzen.

Als junge Frau haben Sie erste Erfahrungen beim hiesigen Tagesblatt „Neue Westfälische"

sammeln können und lebten danach eine Zeit lang als freie Journalistin in

Berlin und volontierten 1992/93 beim Westdeutschen Rundfunk, bei dem Sie seit

dieser Zeit als freie Autorin, Redakteurin und Moderatorin arbeiten.

Beim WDR haben Sie ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Ihren Kollegen Lothar

Fend, Susanne Gaschke und Michael Thamm entwickelt; Personen, die Ihnen viel

gegeben haben. Der Letztere kommt ja auch aus unserer Nachbarschaft.

Im Jahr 2003 verlagerten Sie Ihren Wohnsitz nach Hamburg-Boltenhagen, wo Sie

auch heute noch mit Ihrem Mann und Ihren 2 Kindern, dem 9-jährigen Sohn Lasse

sowie der 5-jährigen Tochter Malin, leben.

Beim WDR moderierten Sie verschiedene Hörfunk- und Radiosendungen, wie z. B.

die Kultursendung „Resonanzen" auf WDR 3 und die Sendung „Neugier genügt" auf

WDR 5. Gleichzeitig arbeiten Sie bis heute als freie Autorin für die Zeitung „Die Zeit"

und das „Greenpeace-Magazin".

Seit dem 01.03. d. J. treten Sie auch als Gast-Journalistin im Presseclub der ARD

auf. Themen wie „Uns geht's doch noch gut - wen trifft die Wirtschaftskrise wirklich?"

werden von Ihnen aufgegriffen und beispielhaft erläutert.

In Ihren Büchern „Melken und gemolken werden" (2001), „Das neue Deutschland

(2003)", zusammen mit Tobias Dürr geschrieben, und in Ihrem letzten Buch „Die Ein5/

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kaufsrevolution - Konsumenten entdecken ihre Macht" (2006) sowie Ihren zahlreichen

Artikeln und Beiträgen (insbesondere in der Zeit) rufen sie zum Um- und Querdenken

auf.

Sie prangern, Frau Dr. Busse, in Ihren journalistischen Beiträgen Missstände bei der

Herstellung der Waren und Produkte an, die zur Normalität für uns Konsumenten

geworden sind.

„Das Einkaufen hat seine Unschuld verloren!" ist Ihre Botschaft, „und wir als Konsumenten

lassen uns zu gern von der Werbung ablenken, um kein schlechtes Gewissen

beim Kauf verschiedenster Produkte zu bekommen."

Niemand will Gammelfleisch oder Genreis im Risotto. Niemand will Kleidung von unterbezahlten

Textilarbeiterinnen, auch kein Mobiltelefon, an dem das Blut von Kindersoldaten

klebt, Taschentücher aus Urwaldholz oder Teppiche, die von 8-jährigen

geknüpft wurden. Niemand will das alles - und trotzdem werden diese Waren gekauft.

Sie wollen die gefühlsgeleiteten und verführten Käufer aufklären und zum Nachdenken

verleiten. Emanzipierte aufgeklärte Konsumenten - so schreiben Sie - sind eher

bereit, Ihre Konsumverantwortung zu übernehmen, statt sich von der Werbung betütteln

oder einlullen zu lassen. Zur Umsetzung dieses Ziels recherchieren Sie als engagierte

Journalistin akribisch genau. Sie schreiben und berichten über Preisdiktate,

Skandale, das Ohnmachtsgefühl des Einzelnen, aber vor allem über die Macht der

Konsumenten. Sie fordern politische Rahmenbedingungen, die den verantwortungsbewussten

Konsum erleichtern, ohne zu verschweigen, dass der Politik Grenzen gesetzt

sind durch weltweite Verträge, die die Handelsbeziehungen regeln. Sie fordern

auch die gezielte Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, wie wir sie im Kreis

Höxter seit einigen Jahren unter dem Logo „Kulturland Kreis Höxter" dabei sind aufzubauen

und langsam aber sicher mittlerweile mit 109 beteiligten Firmen auch die

Konsumenten überzeugen können, regionale Produkte vorrangig zu kaufen.

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Meine sehr geehrte Damen und Herren,

die von Frau Dr. Busse recherchierten Fakten zu ihrem letzten Buch konnten aus

meiner Sicht innerhalb eines Jahres nur erarbeitet werden, da sie als Mädchen vom

Lande mit einem scharfen Verstand ausgestattet, auf dem elterlichen Bauernhof aufgewachsen,

Wissen über Zusammenhänge der Lebensmittelproduktion und Erfahrungen

sammelte, die einem Großstädter ein Leben lang fremd oder verborgen bleiben.

Umso wichtiger und glaubwürdiger ist ihr aufrüttelnder Appell an uns - als Verbraucher

- bewusst und gezielt einzukaufen. Nur damit kann dem weltweiten Raubbau an

der Natur und als Folge daraus den Störungen des globalen Ökosystems entgegengewirkt

werden. Nur hierdurch können wir mithelfen, dass die Vernichtung der Lebensgrundlagen

der Menschen in den betroffenen Regionen verhindert wird.

Dass wir damit auch uns selbst schützen vor den Folgen einer weltweiten Klimaveränderung,

ist den meisten - so fürchte ich - gar nicht bewusst.

Die gnadenlose, skrupellose Ausbeutung und damit einhergehende Zerstörung von

sensiblen Ökosystemen und Existenzen von vielen Millionen Menschen durch verantwortungslose

geld- und machtgierige verbrecherische Menschen und Konzerne

können wir nicht verhindern.

Aber wir alle, die wir genügend Informationen über die Zusammenhänge und die

Folgen des eben Beschriebenen für die ganze Welt haben, können dazu beitragen,

dass den skrupellosen Menschen die Basis für ihr Verhalten - nämlich viel Geld mit

der Zerstörung der Natur und der Existenz von Menschen zu verdienen - entzogen

wird. Das ist das Credo des letzten Buches von Frau Dr. Tanja Busse, die Einkaufsrevolution

„Konsumenten entdecken ihre Macht".

Frau Dr. Busse beschreibt in ihrem Buch aber nicht nur die Folgeschäden der Preisdiktate;

sie beschreibt - mit praktischen Beispielen - wie wir als Konsumenten als gesellschaftliche

Macht der Zukunft Einfluss nehmen können.

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Sie beschreibt aber nicht nur die Möglichkeiten, die wir haben, sie handelt auch

selbst ganz konsequent danach. Dass diese Handlungsweise mehr Aufwand, damit

mehr Zeit und mehr Geld kostet, ist - glaube ich - jedem klar. Uns ist aber auch klar,

dass nur die unbequemen Menschen die Welt zum besseren verändern und nicht die

bequemen - die gedankenlosen, die das tun, was die meisten tun.

Sehr geehrte Frau Dr. Busse,

ich danke Ihnen, auch im Namen aller hier Anwesenden, dass Sie immer wieder unbequeme

gesellschaftspolitische Themen aufgreifen und nicht nur die globale Sicht

im Fokus haben, sondern auch in Europa und in unserem Land die schon begonnene

und sich weiter abzeichnende negative Entwicklung bei den Zucht- und Mastbetrieben

massiv kritisieren, weil wir Gefahr laufen, die Tiere nicht mehr als Mitgeschöpfe,

sondern als reine Gegenstände oder Sachen betrachten, die möglichst

schnell und preiswert auf den Esstischen der Verbraucher landen.

Liebe Frau Dr. Busse,

dass Sie neben den von Ihnen hervorragend recherchierten und verständlich und

aufrüttelnden Schriften durch Ihre eigene Lebensweise als Vorbild in vielerlei Hinsicht

dienen, ist besonders erfreulich. Denn Sie haben schon als Kind für sich selbst nur

das in Anspruch genommen, was notwendig war. Überflüssiges wurde von Ihnen

stets abgelehnt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

dass über eine Milliarde Menschen kein sauberes und ausreichendes Trinkwasser

haben und 700 Millionen Menschen Hunger leiden, das hat ganz speziell auch etwas

zu tun mit dem Wohlstand der Menschen in den Industrienationen, also auch mit uns

und unserem Konsumverhalten.

Ich gratuliere der Stadt Steinheim ganz herzlich zu ihrer Entscheidung, in diesem

Jahr die Reiner-Reineccius-Medaille an Frau Dr. Tanja Busse zu verleihen, denn diese

Medaille der Stadt Steinheim für Pioniere und Querdenker geht in diesem Jahr an

eine äußerst glaubwürdige Journalistin und eine Verfechterin für den verantwortungsbewussten

politischen Konsum.

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Die Reineccius-Medaille ist nach dem Willen der Stadt Steinheim genau für solche

Menschen gedacht: Für „Persönlichkeiten", die mit ihrem Pioniergeist dazu beitragen,

die Welt zu verändern und zu verbessern.

Ich bedanke mich ganz herzlich dafür, dass ich heute die Laudatio für Frau Dr. Tanja

Busse halten durfte, ich bin stolz darauf, was sie als geborene Nieheimerin und damit

als Tochter unseres Kreises geleistet hat und freue mich auf das, was sie noch veröffentlichen

wird.

Ihnen, Frau Dr. Busse, gratuliere ich ganz, ganz herzlich zur Anerkennung Ihrer Leistungen

durch die Verleihung der Reineccius-Medaille durch die Stadt Steinheim und

spreche Ihnen auch im Namen aller Anwesenden meinen Respekt und meine Anerkennung

aus.

Respekt und Anerkennung gelten auch ganz besonders Ihrer Familie und Ihren Eltern.

Dr. Tanja Busse - Dankesrede

  

  

Dankesrede von Tanja Busse

Sehr geehrter Herr Landrat, sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren!

 

Vor ungefähr einem Jahr hatten Umweltaktivisten in Hamburg eine gute Idee: Sie hatten eine Behörde für Klimaschutz erfunden und ein Anschreiben dieser erfundenen Behörde:

Und das ging so:

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wie Sie wissen, hat sich die Stadt Hamburg dem Klimaschutz verschrieben, mit ehrgeizigen Zielen,

da aber der Stromkonzern Vattenfall auf Hamburger Stadtgebiet ein Kohlekraftwerk bauen wird,

sind wir gezwungen, an anderer Stelle massiv CO2-Emissionen einzusparen,

Ihr Auto überschreitet die gesetzlich zulässigen 130 gr co2 pro Kilometer

und ist deshalb mit sofortiger Wirkung stillgelegt.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis,

mit freundlichen Grüßen,

Ihre Stadt Hamburg

 

Eine der Aktivistinnen erzählte mir von dieser Aktion: Sie wollten losziehen und dieses „offizielle" Schreiben nachts auf die Windschutzscheibe von allen Extra-großen Klimakiller-Autos kleben, SUV, Möchtegernegeländerwagen usw,

so dass die Leute morgens ihr Auto stilllgelegt vorfinden und vielleicht ein paar Minuten über ihren Lebensstil nachdenken!

 

Tolle Aktion! sagte ich.

Und sie: Wollen Sie mitmachen?

Und ich: Oh! Äh!

Und ich beriet mich mit einer ebenfalls in Klimadingen aktiven Freundin, die ebenfalls aus Ostwestfalen kommt, und die ebenso zögerlich war wie ich.

Glücklicherweise musste ich an dem Abend nach Köln fahren und hatte eine guten Grund zur Absage.

 

Das alles erzählte ich meinem Mann und der sagte - ganz großstädtisch - ihr ostwestfälische Angsthasen!

 

Ich war getroffen und verteidigte mich wild - aber ein bisschen stimmt das vielleicht wirklich: Unsere Gegend hier ist nicht gerade bekannt als das Land der großen Rebellionen! Und auch nicht als das Heimatland der großen Visionäre! Und vor allen Dingen nicht der Visionäre der Ökologie!

 

Als kleines Mädchen mit einer Freundin durch die Felder gezogen:

Auto, beim Heckenschneiden Motor angelassen, wir: Motor aus!

er: Du bist wohl vonne Grünen, was?

Ich war noch so klein, dass ich nicht genau wusste, was die Grünen waren, aber eines war klar: Für diesen Mann - und für viele damals - war grün ein Schimpfwort.

Ich glaube, schon aus dieser Zeit stammt mein Gefühl, dass meine Ideen hier eher nicht ankommen!

 

Umso mehr freut es mich, dass die Stadt Steinheim Querdenker ehrt und dass mir in diesem Jahr die Reiner-Reineccius-Medaille verliehen wurde - ich bedanke mich herzlich dafür!

 

Und ich bin mir sicher, dass ich viel von dem, was ich quergedacht und publiziert habe und was vielleicht ein bisschen Wirkung entfaltet hat, doch meiner Herkunft verdanke.

 

Auch dem Gymnasium Steinheim, wo ich viele gute Lehrer hatte, die mir die Liebe für ihr Fach und zum Wissen und Denken vermittelt haben, so etwa meine Mathelehrerin Frau Hempel mit ihrem legendären Sprung vor der Tafel, als sie uns die Eulersche Zahl herleitete.

 

Aber was mich vor allem geprägt hat, ist das Land.

Als Kind bin ich viel mit meinen Freunden und den Hunden und den Ponies durch die Felder gezogen, in den Wölberg, zur Beber und zur Emmer und habe dabei den Wert von Natur und Landschaft kennengelernt.

Das Wort Heimatliebe klingt ein bisschen kitschig, aber ich glaube, das trifft es schon.

 

(Wer uns damals gesehen hat, der wird das für nachträgliche Verklärung halten, denn in der Wirklichkeit sah das oft so aus, das Pony genug hatte von der Naturerkundung und mich abwarf und allein nach Hause lief und ich hinterher, mit Reitkappe und Stiefeln eindeutig als Reiterin zu identifizieren, und die Bauern auf ihren Treckern freundlich fragten: Na, Tanja, warst du wieder reiten?)

 

Dennoch hat mir das Land und die Verbundenheit mit dem Acker - ganz unironisch - mein Weltbild, oder meinen Welthalt gegeben.

Mein erstes Buch über die Landwirtschaft im Osten - Melken und gemolken werden - der Titel stammt von meiner Mutter - hat hier seinen Ursprung:

 

Als ich in Berlin lebte und von dort durch Brandenburg fuhr und die verlassenen Schweineställe der ehemaligen LPGs sah, dachte ich an das Bauernhofsterben bei uns, und ich fragte mich: Wie ist das passiert? Und wie geht es den gescheiterten Ex-Landwirten jetzt?

 

Und das Land war auch der Ausgangspunkt für mein nächstes Buch, die Einkaufsrevolution: Hier im Kreis Höxter kann man dasEnde der uralten bäuerlichen Landwirtschaft miterleben, das ist ein historischer Wandel, der Verlust von Kultur, und es stellt sich die Frage, wie man das verhindern kann!

 

Mir ist das klargeworden bei einer Tasse Milchkaffee:

Hier leiden die Milchbauern an niedrigen Erzeugerpreisen, in den Tropen leiden die Kaffeebauern, dahinter steht das gleiche falsche Prinzip:

ein ungeschützter freier Markt, der die landwirtschaftlichen Produzenten dem hilflos aussetzt.

 

Daraus ergibt sich die Frage: Was können wir tun?

Wir Konsumenten dürfen nicht Opfer der Gewohnheit der Werbung sein, sondern wir müssen Einkaufen nicht nur als Privatvergnügen, sondern als politische Handlung verstehen, mit der wir darüber entscheiden, wie und unter welchen Bedingungen und was produziert wird.

 

Das funktioniert, wenn viele mitmachen.

 

Dazu wieder ein Bild aus meiner Heimat: Ich musste an einen Bullen im Stall denken, weiß nicht wie stark er ist. Wenn er es wüsste, könnte er jederzeit ausbrechen.

 

Schön war bei der Recherche für mein Buch: Ein Beispiel für besseren Konsum habe ich hier in der Gegend gefunden: die Upländer Bauernmolkerei:

Josef Jacobi und andere Biobauern, die sich mit dem Preisverfall nicht abfinden wollten, entwickelten und vermarkten die erste erzeuger-fair-Milch in Deutschland, nach dem Modell des fairen Handels. 

Jacobis Lehre ist eine einfache Wahrheit: Wenn man dem Kunden glaubhaft sagt, warum er mehr zahlen muss, dann tut er es! 

Damit ist die Upländer Bauernmolkerei ein praktischer Beweis für das, was ich als Theorie formuliert habe.

 

Der politische Konsum hat aber auch Grenzen, das zeigt ein anderes Beispiel, die Hühnerbeine in Kamerun nämlich:

In den letzten Jahren haben wir hier immer weniger ganze Hähnchen verzehrt,  nur noch Brust und Schenkel.

Wo bleibt der Rest?

Den exportieren wir!

Das Hochlohnland Deutschland - Exportweltmeister für Hochtechnologie - exportiert Hühnerreste in arme Niedriglohnländer in Afrika - und unterbietet die Preise dort. Macht dort die Preise kaputt: Zehntausende Hühnerzüchter allein in Kamerun haben ihre Arbeit deswegen verloren.

Außerdem: Tiefkühlhähnchen in ein Land ohne geschlossene Kühlkette zu exportieren, ist lebensgefährlich für die Konsumenten dort!

Die Länder können sich nicht wehren, weil die Welthandelsorganisation WTO vorschreibt: Auch für Lebensmittel gilt der freie Markt! Zölle sind verboten!

 

Jean Ziegler, viele Jahre Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Menschenrecht auf Nahrung sagt, jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Und einer der Hauptgründe für den Hunger ist das EU-Agrardumping!

Also die Politik eines Systems, in dem wir leben, dem wir viel Wohlstand verdanken! Wir machen uns mitschuldig am Welthunger!

Das geht nicht!

 

Ich bin da gerade sehr involviert, weil genau das das Thema meines neuen Buches ist, das im nächsten Frühjahr erscheint. Die Ernährungsdiktatur!

Wie können wir essen und leben, ohne den Menschen am anderen Ende der Welt das Essen wegzunehmen.

 

Die Verbindung sind enger, als man auf den ersten Blick denkt:

Wenn wir hier billiges Fleisch kaufen, dann stammt das unter Garantie von Tieren, die mit Soja gefüttert wurden, zum Beispiel aus Brasilien, wo noch immer Millionen von Menschen hungern. Wo Präsident Lula für sein Hunger-Nein-Programm Bohnen aus Mexiko importieren muss, weil auf den besten Ackerflächen Exportsojabohnen wächst!

 

Das Gleiche gilt für Palmöl aus Indonesien, das Deutschland für Biogasanalgen importiert, das aber dem Klimaschutz nicht dient, weil dafür in Indonesien Regenwald gerodet wird.

 

Was unser Handeln für Folgen hat, am anderen Ende unserer globalisierten Welt, erschüttert mich immer wieder, wenn ich solche Dinge recherchiere.

 

Umso dringlicher ist es, hier an Alternativen zu arbeiten.

Da sehe ich zwei große Welt-Themen, das eine ist Klimaschutz, das andere die Welternährung, das hängt miteinander zusammen.

 

Zum Klimaschutz habe ich eine Bitte: Es gibt hier in der Gegend, am Nieheimer Bilster Berg, die Planung einer neuen Autorennstrecke

- wer nicht glaubt, dass es eine Rennstrecke werden soll, kann dazu in die Oktoberausgabe der Zeitschrift Capital gucken -

- das ist - in Zeiten des Klimaschutzes - nicht zeitgemäß. Und mit Blick auf die Dringlichkeit des Problems nicht vertretbar, da geht einfach nicht mehr!

 

Der zweite Punkt ist das Thema, was mich am meisten beschäftigt:

die Welternährung.

Eine große Chance dafür ist die Regionalisierung unserer Ernährung. (Auch Empfehlung des Weltagrarberichts!)

Was zwei Vorteile hat: Erstens weniger Ausbeutung durch billige Exportlandwirtschaft. Durch Spekulation auf Lebensmittel.

Zweitens Stärkung der Region.

Drittens mehr Transparenz.

 

Auf meinen Recherchen sind mir verschiedene Modelle von regionaler Landwirtschaft begegnet

- und ich möchte hier schon eine Ankündigung machen -

ich möchte diese Modelle gerne in einer Art Forum vorstellen, um zu gucken, ob vielleicht etwas für Steinheim und Umgebung dabei ist,

wie man einen von den niedrigen Milchpreisen in die Knie gezwungenen Bauernhof retten könnte, im Idealfall.

Besonders am Herzen liegt mir dabei die sog. csa:

community supported agriculture, die gemeinschaftlich unterstützte Landwirtschaft.

 

Die Stadt Steinheim zeigte sich sofort begeistert von dieser Idee und möchte das gerne organisieren, was mich sehr gefreut hat,

denn ich würde gerne die Medaille, die ich heute bekommen habe, als Ansporn sehen, auch wirklich etwas zu bewirken, über sagen wir das Buch und das Wort hinaus!

 

Diese Wirkung hat schon begonnen: Kaum war über die verschiedenen Presseverteiler beim WDR angekommen, dass ich die Reineccius-Medaille bekomme, bat WDR 2 um ein Interview und kaum war das ausgestrahlt, rief Ranga Jogeshwars Sendung Quarks und Co. an und bat um ein Interview zu Frage, wie kann man helfen, die Welt zu verbessern.

 

Sie sehen: Reiner-Reineccius wirkt, 450 Jahre nach seinem Tod, herzlichen Dank für die Medaille!